E-Paper - 29. Januar 2020
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«Ich war ein ‹attraktiver› Velofahrer»

Von David Annaheim

Am kommenden Wochenende finden in Dübendorf die Radquer-Weltmeisterschaften statt. Der letzte Schweizer Sieg liegt 25 Jahre zurück. Wir haben Weltmeister Dieter Runkel zu Hause in Neuendorf besucht, wo er auch eine Stickerei führt.

Neuendorf Vielen sind die Bilder von Dieter Runkels Goldfahrt an der Radquer-Weltmeisterschaft 1995 in Eschenbach (SG) noch in bester Erinnerung. Die Rennen boten jeweils ein Spektakel sondergleichen mit Protagonisten, die sich vom schlammigen Untergrund nicht unterkriegen liessen und vom massenhaft angereisten Publikum angefeuert wurden. Doch mit dem Karriereende von Runkel flachte auch die Faszination der Sportart in der Schweiz ab. «Ich sage über mich, dass ich ein ‹attraktiver› Fahrer gewesen bin. Damit meine ich nicht mein Äusseres, sondern meine Art und Weise, Rennen zu fahren und weil ich nie ein Blatt vor den Mund genommen habe», erzählt der heute 53-Jährige. «Das gefiel den Leuten und ein solches Zugpferd fehlte der Sportart, als ich aufgehört habe.»

Mit Talent und Fleiss zum Erfolg

Aufgewachsen ist Dieter Runkel in Obergösgen. Damals hatte noch jedes Dorf seinen eigenen Veloclub: «Bereits mein Vater und mein Bruder waren gerne mit dem Velo unterwegs, ich bin dann automatisch reingerutscht. Mit meinem ersten Rennen am 1. Mai 1977 nahmen die Dinge schliesslich ihren Lauf.» Seine Leidenschaft für das Radquer entdeckte er 1983 in einem Trainingslager der Kantonsauswahl in Tenero. «Es gab eine Gruppe Strassen- und eine Gruppe Querfahrer. Da die Querfahrer weniger Teilnehmer hatten, habe ich spontan reingeschnuppert. Die Verantwortlichen sahen dabei offenbar Talent in mir und ermutigten mich deshalb, vermehrt auf die Karte Radquer zu setzen.» Dieses Talent, gepaart mit viel Fleiss, führte «Didi» so sein Rufname schlussendlich zu mehreren Schweizermeistertiteln und zur Krönung seiner Karriere mit dem Weltmeistertitel.

In seiner erfolgreichsten Zeit konnte Runkel vom Radsport alleine leben. «Im Radquer ist dies in der Schweiz heute aber kaum mehr möglich», so der Neuendörfer, der vor seinen grossen Triumphen nebenbei auf dem Bau als Maurer gearbeitet hatte.

Der Schlussstrich

2000 schliesslich, nach seinem Karriereende, haben sich Dieter Runkel und seine Frau Christina mit einer Stickerei in Neuendorf, wo sie auch ansässig wurden, selbstständig gemacht. «Ich habe einen Schlussstrich gezogen und mich nicht mehr gross um den Spitzensport gekümmert.» Diese Distanz habe er auch bewusst gesucht, unter anderem, weil er von der ganzen Entwicklung des Radsports mit den Dopingskandalen enttäuscht war: «Jeder, der über eine halbe Million verdient, nimmt irgendetwas zu sich, ob es nun Supervitamine oder andere Substanzen sind», ist Runkel überzeugt. «Schon zu meiner Zeit gab es Fahrer, die an Asthma litten und vor dem Start noch kurz einen Zug vom Ventolin-Spray genommen haben, um die Leistungsfähigkeit zu steigern. Wenn jemand dermassen krank ist, ist etwas nicht mehr in Ordnung.» Ziele zu haben sei ja grundsätzlich eine gute Sache, «aber ohne Rücksicht auf Verluste immer mehr und mehr zu wollen mit dieser Mentalität konnte ich schon damals als Profi nichts anfangen.»

Wie aber kam Runkel auf die Idee, eine Stickerei zu eröffnen? «Während meiner Aktivzeit wollte mein Sponsor noch weitere Fahrer neben mir wissen, welche entsprechend auch mit Outfits und Werbematerial ausgerüstet sein mussten.» Da Runkel dies nicht nur in gedruckter, sondern professionell in gestickter Form haben wollte, bemerkte er, dass in der Region Olten eine Stickerei fehlte. Dies war der Auslöser, sich eine eigene Industrie-Stickmaschine anzuschaffen.

Heuer feiert Runkel das 20-jährige Jubiläum seiner Stickerei, doch das Business sei härter geworden: «Mittlerweile gibt es in der Region viele weitere Stickereien, dies haben wir auch beim Umsatz zu spüren gekriegt.» Um das Sortiment zu bereichern bietet er in seinem Laden mittlerweile auch Laserbeschriftungen und Jagdbekleidung an. Letzteres kommt nicht von ungefähr; seit einigen Jahren besitzt er das Jagdpatent. Ein unaufgeregtes Hobby, welches ganz im Gegensatz zum turbulenten Rennfahrerzirkus steht.

Neue Oltner Zeitung (Gäu) vom Mittwoch, 29. Januar 2020, Seite 1 (5 Views)

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