E-Paper - 27. Juni 2018
Neue Oltner Zeitung (Olten-Niederamt)
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«Nicht alles Coole muss immer in Zürich stattfinden»

Im Mai hat der 46-jährige Rolf Schmid das Amt des Wirtschaftsförderers der Region Olten von Urs Blaser übernommen. Die NOZ hat mit ihm über sein neues Amt gesprochen.

Olten Im Interview spricht Rolf Schmid darüber, wer seine Dienste in Anspruch nehmen kann, welche Projekte derzeit am Laufen sind und weshalb er die Region als «Chancenregion» sieht.

Rolf Schmid, wie sind Sie eigentlich im Raum Olten gelandet?

Aufgewachsen bin ich in Aeschi im Wasseramt. Die Matura habe ich an der Kanti Solothurn gemacht und dann in St. Gallen Betriebswirtschaft studiert. Anschliessend bin ich via Sulzer und Holcim in Olten bei der damaligen ATEL gelandet und hier geblieben. In Olten wird man mit offenen Armen empfangen. Nach kurzer Zeit hatte ich bereits viele Kontakte geknüpft, mich heimisch gefühlt und wurde in das Gemeindeparlament gewählt. In anderen Städten wäre dies nicht so schnell möglich gewesen. Hinzu kommt, dass ich dann auch noch meine Frau kennengelernt habe, welche aus Kappel stammt. Nun wohnen wir in Starrkirch-Wil.

Eine geografische Definitionsfrage: Was zählt alles zum Einzugsgebiet der Wirtschaftsförderung Region Olten WRO?

Wir sind in der Region Olten, Gösgen und Gäu tätig, also von Schönenwerd bis Oensingen. Alle Unternehmen in diesem Gebiet können sich mit ihren Anliegen an uns richten. Ich empfinde die WRO als ein starkes Konstrukt, da sie von allen Gemeinden in der Region getragen wird. Zudem gehört der Industrie- und Handelsverein Olten (IHVO) zu unserer Trägerschaft. Wir schlagen also die Brücke zwischen Öffentlichkeit, Politik und Wirtschaft. So können wir für gegenseitiges Verständnis sorgen und unsere Anliegen einbringen.

Sie selbst sind bereits beruflich als Wirtschafts- und Unternehmensberater tätig. Konkurrieren Sie sich in Ihrer Funktion als Wirtschaftsförderer nicht selbst?

Das ist eine sehr gute Frage, welche ich mir auch selbst gestellt habe und die ich aus zwei Gründen mit «nein» beantworten kann: Einerseits habe ich in meiner beruflichen Beratungstätigkeit einen starken Branchenfokus auf den Energie- und Medtech-Bereich. Anderseits bin ich schweizweit und nicht nur regional tätig. Klar, ich habe ein paar gute Kunden in der Region. Bei denen würde ich einen allfälligen Rollenkonflikt offen ansprechen. Transparenz ist mir wichtig. Aber Wirtschaftsförderer ist bei uns ein Teilzeitmandat und so ist es gegeben, dass der Wirtschaftsförderer weitere Mandate hat. Das ist auch eine Chance, denn es ist ja durchaus sinnvoll, wenn der Wirtschaftsförderer sich in der Materie auskennt und selber unternehmerisch tätig ist. Dann weiss er aus eigener Erfahrung, um was es geht.

Bei Ihrem Amtsantritt im Mai hiess es, der Vorstand habe Sie als Nachfolger «bestimmt». Konnten Sie überhaupt nein sagen?

Hätte ich schon können, ich habe meine Zusage aber mit einem sehr lustvollen Ja gegeben (schmunzelt). Sicher habe ich mir im Vorfeld länger Gedanken gemacht, auch weil ich wie erwähnt ein bestehendes, gut funktionierendes Geschäft habe. Durch mein neues Mandat muss ich dort nun reduzieren. Aber die neue Herausforderung hat mich sehr gereizt. Schätzungsweise arbeite ich nun rund 40 Prozent als Wirtschaftsförderer, den Rest für mein Geschäft.

Und wie haben Sie sich eingelebt?

Sehr gut. Ein Neuanfang ist immer spannend und ich bin sehr motiviert. Die Lernkurve ist steil. Obwohl ich schon früher viel mit meinem Vorgänger Urs Blaser zusammengearbeitet habe, ist einiges neu für mich und ich muss mich erst einarbeiten. Zudem ist es bei der Wirtschaftsförderung wie bei einem Eisberg sichtbar ist nur ein kleiner Teil der geleisteten Arbeit. Beispielsweise erhalten wir jede Woche zahlreiche Anfragen, die wir bearbeiten.

Welche Dienstleistungen bietet die WRO an?

Wichtig ist sicherlich die sogenannte «Bestandespflege», das heisst wir kümmern uns um die bereits hier anwesenden Firmen und unterstützen sie. Beispiele hierfür sind unsere Netzwerkanlässe oder unser Einsatz für gute Rahmenbedingungen. Weiter bieten wir unsere Dienste bei Neuansiedlungen und Gründungen an (siehe Infobox). Wir beraten oder helfen beispielsweise bei der Standortsuche. Weiter betreiben wir das Standortmarketing für unsere Wirtschaftsregion. Dabei arbeiten wir mit Partnern zusammen, denn unsere eigenen Ressourcen sind knapp. Zudem beraten wir unsere Auftraggeber in wirtschaftspolitischen Themen.

Sie haben bereits gesagt, dass Sie viele Anfragen erhalten. Aber wissen denn alle Betriebe, speziell Firmen, die in Gösgen und im Gäu ansässig sind, dass man bei Ihnen um Rat fragen kann?

Es ist schwierig, dies nach so kurzer Zeit im Amt abschliessend zu beurteilen. Einerseits staune ich, wie viele Kontakte wir haben, andererseits kann es gut sein, dass die Befürchtung, welche mit Ihrer Frage mitschwingt, teilweise stimmt. Ich bin nicht sicher, wie gut die Wirtschaftsförderung bekannt ist. Ich glaube, wir dürfen unser Angebot durchaus noch stärker «vermarkten». Wir sind ein Dienstleister für die Unternehmen und die Gemeinden der Region. Für sie wollen wir im Sinne eines «One-stop-shops» zentraler Ansprechpartner sein.

Ihre Dienstleistungen sind zudem kostenfrei.

Genau. Wir bieten diese grundsätzlich kostenlos an. Wir haben allerdings einzelne Projekte, bei welchen die regionale Firmen uns mit Beiträgen unterstützen und mit uns Partnerschaften eingehen. Anders wären diese Projekte nicht machbar. Beispiele sind die Projekte «Zentrumsstadt Olten» oder «Wohnregion Olten».

Stichwort Projekte: Was ist sonst noch am Laufen?

Es gibt derzeit einige spannende Projekte. Zum Beispiel die «learning area», eine Plattform für Aus- und Weiterbildungsunternehmen oder «swissbiolabs», welches die Gründung und Ansiedlung von Firmen im Feld der Life Sciences vorantreibt. Bei Letzterem haben wir erst kürzlich einen sogenannten «Inkubator», also Infrastruktur für Start-ups, eingerichtet und vergangene Woche den zweiten «Diagnostics Start-up-Day» durchgeführt. Bezüglich neuer Projekte habe ich ein paar Ideen, aber es braucht noch etwas Zeit, bis diese spruchreif sind.

Zu hohe Mietpreise, Onlinehandel da kann doch auch die WRO nichts dagegen unternehmen?

Das sehe ich anders. Wir können etwas tun. Es beginnt damit, dass wir die Sorgen der Detailhändler ernst nehmen und gleichzeitig die neuen Realitäten akzeptieren. Wir dürfen nicht naiv sein. Das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen und die Digitalisierung wird nicht mehr verschwinden. Es bringt nichts, zu jammern und nostalgisch zu sein. Klar verstehe ich, dass sich viele Leute nach den klassischen «Lädeli» zurücksehnen. Aber am Anfang dieser Veränderung stehen wir als Konsumenten. Wir schätzen die Vorteile des Online-Einkaufens und gehen weniger in die Läden. Trotzdem, der stationäre Handel wird nicht verschwinden, aber er wird sich stark verändern und die Frage muss sein: Was machen wir aus den neuen Gegebenheiten? Es gibt auch Trends, die für den Detailhandel in Innenstädten sprechen und die eher die Einkaufszentren im Grünen bedrohen. Beispielsweise die Tatsache, dass Jugendliche immer seltener ein eigenes Auto haben.

Ich bin sicher: Online und offline werden in Zukunft stärker verschmelzen, denn als Konsumenten wollen wir das Beste aus beiden Welten. Was erlebnisorientiert und emotionalisiert werden kann, wird dem Detailhandel helfen, wieder an Bedeutung zu gewinnen. Das sind aber Themen, die der einzelne Detailhändler häufig nicht alleine packen kann. Es braucht die Zusammenarbeit untereinander, auch mit den Vermietern und den Gemeindebehörden. Hier sehe ich wiederum meine Rolle, gemeinsam mit dem Oltner Gewerbe. Was wir tun können, ist beispielsweise ein professionelles Leerstandsmanagement. Dazu gehört, dass wir mit dem Immobilienbesitzer und einem potenziellen Mieter zusammensitzen, schauen, was passt und wie ein sinnvolles Mietkonzept aussehen könnte. Auch die Immobilieneigentümer müssen an einer nachhaltigen Entwicklung interessiert sein und nicht einfach den nächsten Kebab-Laden einmieten, nur weil es das Einfachste ist. Die Rahmenbedingungen wie genügend Parkmöglichkeiten oder Sauberkeit und Begrünung im öffentlichen Raum müssen natürlich auch stimmen. Der öffentliche Raum wird immer mehr zur Kulisse für erlebnisorientiertes Einkaufen und da muss der «Auftritt» stimmen.

Wie blicken Sie der Zukunft der Oltner Wirtschaft entgegen?

Ich bin überzeugt von der Stärke und vom Potenzial dieser Region deshalb sehe ich sie auch als Chancenregion. Viele Zeichen stehen auf Grün. Wir haben es selber in der Hand, den Hebel umzulegen und den allfälligen Ballast der Vergangenheit abzuwerfen. Dazu gehört, dass wir aufhören tausend Gründe zu finden, weshalb etwas nicht geht und es einfach tun. Warum nicht beispielsweise einen digitalen Marktplatz für Olten errichten, der den Kunden animiert, beim Detailhandel in der Stadt einzukaufen? Wir dürfen auch einmal Vorreiter sein. Nicht alles Coole muss immer in Zürich stattfinden. Wir werden erfolgreich sein, wenn wir diese Vorwärts-Mentalität stärken. Die Zukunftsaussichten für die Region sind gut. Vieles stimmt bereits, an einigem arbeiten wir noch.

Interview: David Annaheim

Neue Oltner Zeitung (Olten-Niederamt) vom Mittwoch, 27. Juni 2018, Seite 25 (19 Views)

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